Es sollte einer der größten Erfolge in der Amtszeit von Präsident Felipe Calderón sein, ein entscheidender Schlag gegen das gefährliche Sinaloa-Kartell. Doch am Ende wurde es zur größten Torheit des scheidenden Staatschefs. Am Donnerstag schnappten Spezialeinheiten der Marine in Guadalajara den Sohn des meistgesuchten Drogenbosses Joaquin „El Chapo” Guzmán. So hieß es jedenfalls. Doch der Festgenommene war nicht Jesús Alfredo Guzmán, der 26 Jahre alte gefährliche Strippenzieher und Geldbeschaffer des Kartells seines Vaters, sondern ein ganz gewöhnlicher Krimineller.
Nachdem die Regierung mit Pauken und Trompeten die Festnahme des angeblichen Drogen-Sohnes gefeiert hatte, musste sie am Wochenende kleinlaut zurückrudern. Die mexikanische Staatsanwaltschaft und die US-Antidrogenbehörde DEA hatten zuvor Bedenken an der Identität des angeblichen Drogenbosses angemeldet. Als Erste aber war die Mutter des Festgenommenen in die Offensive gegangen. Sie zitierte die Medien am Freitag in ein Restaurant in Guadalajara und brachte Beweise, dass der Festgenommene ihr Sohn sei, Félix Beltrán León heiße und mit dem Sinaloa-Kartell nichts zu tun habe: „Sie verwechseln ihn mit Absicht“, klagte die Mutter unter Tränen. Ihr Filius sei ein rechtsschaffender Autohändler. Ganz unschuldig scheint Beltrán aber auch nicht zu sein. Die Marine stellte bei ihm Gewehre, Pistolen, Granaten und 160.000 Dollar Bargeld sicher.
Der Fall der falschen Festnahme könnte dennoch kaum peinlicher sein für die mexikanische Regierung. Und sie wirft eine Woche vor der Präsidentenwahl zudem die Frage auf, ob Präsident Calderón den angeblichen Coup als Wahlkampfhilfe nutzen wollte. War es also schlicht Unfähigkeit der Sicherheitsbehörden oder ein plumper Versuch, der fast sicher verlorenen Wahl noch eine neue Wendung zu geben?
Unmittelbar nach der Festnahme am Donnerstag jedenfalls stellten die mexikanischen Sicherheitsbehörden den Schlag als Ergebnis monatelanger Zusammenarbeit ihrer Geheimdienste mit denen der USA dar. Man sei dem Guzmán-Sohn lange auf der Spur gewesen und habe dem Sinaloa Kartell jetzt einen harten Schlag versetzt. Erstmals sei es gelungen, ein enges Familienmitglied des Drogenbosses festzunehmen, das zudem in der Hierarchie des Kartells zu den sieben wichtigsten Figuren gehört. Die mexikanische Regierung hat in den vergangenen Monaten mehrfach behauptet, dem Ergreifen des Bosses aller Bosse sehr nahe zu sein.
Das Sinaloa-Kartell ist die größte, am weitesten verzweigte und gefährlichste mexikanische Drogenmafia. Ihr Boss Guzmán (55) ist seit 2001 flüchtig und laut dem US-Finanzministerium der „weltweit mächtigste Drogenhändler“. Seit dem Tod von Osama Bin Laden ist er ohnehin schon der meistgesuchte Verbrecher des Planeten. Das US-Wirtschaftsmagazins „Forbes“ führt Chapo Guzmán schon lange auf der Liste der Superreichen. Die Rechenmeister der Zeitschrift kalkulieren sein Vermögen auf eine Milliarde Dollar.
Das Kartell ist längst keine Rauschgiftmafia mehr, sondern ein höchst diversifiziertes Verbrechersyndikat, das nur noch rund 50 Prozent seines Umsatzes mit Drogenhandel macht. Die übrigen Einkünfte generieren sie aus Geschäften wie Schmuggel, Menschenhandel und Produkt-Piraterie. Zudem ist die Organisation erfolgreich in die legale Wirtschaft eingesickert. Holdings mit Geld des Kartells kaufen beispielsweise kleine Minen, gründen Transportunternehmen und beteiligen sich so am Bergbaugeschäft. Dann finanzieren sie Wahlkampagnen auf Gemeinde- und Landesebene, bestechen Politiker und kapern so kleine Teile des Staates, wodurch ihre Führer durch die Verfolgung der Sicherheitskräfte geschützt werden.
Präsident Calderón, der im Dezember aus dem Amt scheidet, hat den Krieg gegen die Kartelle ins Zentrum seiner Amtszeit gestellt Seiner Offensive gegen die Mafias sind bisher rund 60.000 Menschen zum Opfer gefallen. Ganz große Fische sind der Regierung aber nicht ins Netz gegangen. Und die Bevölkerung hat genug von dem Gemetzel und falschen Festnahmen. Die Regierungspartei PAN wird am Sonntag abgewählt werden.










