Besonders der neue Pessimismus der Deutschen Bank wiegt schwer. Ihr China-Chefökonom Ma Jun gehört normalerweise zu den Optimisten und liefert eher hohe Prognosen ab. Bisher lag er mit seinen Vorhersagen ziemlich richtig. Und jetzt sieht er plötzlich schwarz.
Grund für die Herabstufung ist der schwache Start ins aktuelle Jahr, der gerade in einen mauen Sommer übergeht. „Wir haben unsere Prognose für das BIP-Wachstum für 2012 um 0,3 Prozentpunkte gesenkt und berücksichtigen damit eine schwächeres Wachstum im zweiten Quartal“, schreibt Ma Jun.
Am Wochenende waren Mai-Daten herausgekommen, die auf geringere Wirtschaftsaktivität schließen lassen. Die Regierung hat im vergangenen Jahr begonnen, der Wirtschaft Geld zu entziehen. Sie will damit die Bildung von Investmentblasen verhindern. Doch ohne das Doping geht den Firmen nun überraschend schnell die Luft aus.

Konjunkturfaktor Exportindustrie (Firma Foxconn in Shenzhen): Noch läuft es gut, aber was, wenn die Eurozone schlapp macht?
Chinas Hauptproblem ist jedoch nicht China. Chinas Problem ist derzeit Europa. Die Hoffnung der Wirtschaftsplaner in Peking lautete in den vergangenen Jahren: Bald springt die Wirtschaft in der EU und in den USA wieder an, bald übernehmen die reichen Volkswirtschaften wieder ihre Rolle als Abnehmer unserer Waren. Doch statt dessen sieht die Lage immer düsterer aus.
Ökonom Ma Jun von der Deutschen Bank nennt die gefährliche Entwicklung in den entwickelten Volkswirtschaften ausdrücklich als Grund für seine Neubewertung der chinesischen Wirtschaftslage.
Was China derzeit bewältigen muss, ist tatsächlich ziemlich schwierig. Die Krise des Westens wird jetzt vier Jahre alt. Sie hat sich in dieser Zeit von Amerika nach Europa verlagert. Doch Fakt ist: Eine wichtige Stütze des Wachstums droht wegzubrechen.
Die Nachfrage von außen war in den vergangenen 15 Jahren der entscheidende Treiber der chinesischen Entwicklung. Der Handelsüberschuss hat zwar nur rund sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts ausgemacht. Doch seine Wirkung hat sich in der chinesischen Wirtschaft vervielfältigt. An jedem Exportarbeitsplatz hingen Dutzende, Hunderte weitere Arbeitsplätze.
Die Direktinvestitionen (zum Beispiel der Bau einer VW-Fabrik) haben zusätzlich Jobs geschaffen. In der Bauindustrie. Im Maschinenbau.
Mit dem geringeren Kapitalzufluss von außen muss Chinas Wirtschaft nun auf eigenen Beinen stehen.
Doch die Abkehr von der Ausfuhrwirtschaft ist nicht einfach. Der Export war zentrales Antriebsrad für die Wirtschaftsaktivität. Er hat ihr Ziel und Zweck gegeben. Die Mehrheit der Chinesen selbst spart nämlich lieber, als sich etwas Originelles zu leisten.
Die Regierung hat das Problem erkannt und will die Chinesen zum Konsum anregen. Doch der Politikwechsel wirkt sich zu langsam auf die Wirtschaftsstruktur aus. Er kommt nicht rechtzeitig, um die Eurokrise auszugleichen.
Andere Sektoren laufen ebenfalls nicht so rund wie sonst. Etwa die Bauwirtschaft, an der (einigen Berechnungen zufolge) bis zur Hälfte des BIP hängt. Sie befindet sich in einem zyklischen Rückgang des Wachstums. Denn in der ersten Phase der Wirtschaftskrise hat China große Konjunktur- und Kreditvergabeprogramme aufgelegt. Das Land hat damals schon vorgebaut, was es in den nächsten Jahren braucht. Daher geht es erstmal langsamer weiter.
„Wir müssen mal Pause machen“, räumt selbst der Chef des Baumaschinenherstellers Sany, Xiang Wenbo, gegenüber dem Handelsblatt ein. Er zeigt Verständnis für die ökonomischen Gesetze, doch seine Firma ist einer der größten Leidtragenden des Baurückgangs.
Das offizielle Wachstumsziel für das laufende Jahr hat Premier Wen Jiabao im März mit 7,5 Prozent angegeben. In den vergangenen Jahrzehnten lag China fast immer über diesem Zielwert. Er legte eher die absolute Untergrenze fest.
In diesem Jahr könnte das tatsächliche Wachstum zum ersten Mal seit langem wieder in der Nähe der Untergrenze liegen.
Ist das der Anfang des großen Absturzes der chinesischen Wirtschaft, vom dem einige US-Ökonomen schon seit langem orakeln? (Ich möchte fast unterstellen, sie sehnen ihn herbei. Jedenfalls wiederholen sie ihre Schwarzseherei jährlich aufs Neue – unbeirrt vom immer weiter laufenden Aufbau des Landes.)
Meiner Meinung nach droht keine harte Landung. Und erst recht nicht das Ende Chinas. Ein Jahr mit schwächerem Wachstum ist völlig normal. Für die heißgelaufene chinesische Wirtschaft bietet es sogar eine willkommene Möglichkeit zur Korrektur von Ungleichgewichten.
Eine schwere Rezession ist dagegen sehr unwahrscheinlich.
So wie übrigens auch die Ökonomen von Credit Suisse und Deutscher Bank glaube ich, dass die Regierung der Wirtschaft im Laufe des Jahres noch kräftige Konjunkturspritzen gibt. Sie wird das Wachstum auf jeden Fall in den Bereich von acht Prozent treiben.
Der Wille zum Wachstum hat politische Gründe. In diesem Jahr steht ein schwieriger Führungswechsel an. Niemand will da höhere Arbeitslosigkeit und soziale Unzufriedenheit riskieren.
Die Regierung hat bereits angefangen, gegenzusteuern. Vergangene Woche hat die Zentralbank schon den Leitzins gesenkt.
Peking führt auch dem Immobilienmarkt wieder mehr Kapital zu. Die Regierung macht das eher diskret, weil sie der Gier der Wohnungsspekulanten eigentlich den Kampf angesagt hat. Doch alles ist besser als ein tiefer Durchhänger der Bauindustrie.
Anders als die meisten europäischen Länder, Japan oder die USA hat China immer noch reichlich Möglichkeiten, das Wachstum anzuschieben.
Das Schwellenland hat gegenüber anderen großen Volkswirtschaften zwei große Vorteile. Ein Großteil des Landes ist noch wenig entwickelt. Und die Verschuldung ist niedrig.
Der vergleichsweise niedrige Entwicklungsstand erlaubt Konjunkturprojekte und Investitionen, die trotzdem sinnvoll sind.
Für Deutschland würde es sicher keinen Sinn haben, einen weiteren Großflughafen zusätzlich zu Frankfurt, München und (bald) Berlin-Schönefeld zu bauen. Doch in Peking beginnt gerade der Neubau des zweiten Großflughafens – und landesweit fangen rund 70 weitere Flughafenprojekte an. Das mag erst erschrecken, hat aber durchaus Sinn. In Peking leben 20 Millionen Menschen. Diese Riesenstadt verfügt bisher nur einen einzigen Flughafen (plus einen winzigen). Vergleichbare Weltstädte haben ganz selbstverständlich schon mehrere Airports.
Der Entwicklungsbedarf würde nichts nützen, wenn nicht als zweiter Punkt eine hohe Finanzkraft hinzukäme. China ist – je nach Rechenweise – zwischen 17 und 50 Prozent eines jährlichen BIP verschuldet. Nach heutigen Maßstäben gilt das als moderat. Die Gläubiger sitzen zudem im Inland: Es sind die staatlichen Banken, die die Spareinlagen ihrer Kunden in Staatsanleihen investieren. China hat zudem volle Kontrolle über das eigene Geld und gigantische Devisenreserven. Der Staat kann sich derzeit leisten, was er will.
China setzt zudem auf eine zukunftsfeste Wirtschaftsentwicklung. Das Ausbildungssystem produziert jährlich eine halbe Millionen Ingenieure. Der Umbau der Energiesysteme zu alternativer Stromerzeugung, zu Smartgrids und Elektroautos läuft. Biotechnik und Software werden als Schlüsselbranchen besonders gefördert.
Um China müssen wir uns erst einmal keine großen Sorgen machen. Jedenfalls bei weitem nicht so wie um Europa.


















Ein Kommentar zu “China hält durch – oder?”
China wird durchhalten. Die Chinesische Regierung steuert die Wirtschaft schon so, dass es die Ziele erfüllt.