» 02. Mai 2012, 13:49 Uhr

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China und USA einigen sich: Chen kommt in Freiheit

Die US-Botschaft in Peking

Die US-Botschaft in Peking

Hillary Clintons Besuch vor Ort scheint ein kleines Wunder bewirkt zu haben: Der blinde Menschenrechtskämpfer Chen Guangcheng darf offenbar unbehelligt in China weiterleben. Ein diplomatischer Zwischenfall ist abgewehrt, China bewahrt sein Gesicht und die USA haben einen kleinen Sieg für die Menschenrechte errungen.

Beamte der US-Botschaft informieren die Medien derzeit folgendermaßen: Chen darf innerhalb Chinas an einen politisch weniger aufgeladenen Ort als Peking umziehen. Dort kann er mit seiner Familie ein normales Leben führen. Er werde sich als Student an einer Uni einschreiben.

Zugleich äußert sich Chen über die Nachrichtenagentur AP: Die Behörden hätten ihn mit Drohungen gegen seine Familie unter Druck gesetzt, die Botschaft zu verlassen. Der Vorgang ist damit doppeldeutig: China bewahrt sein Gesicht, indem es seinem harten Kurs gegenüber Chen bleibt. Dazu passt auch das diplomatische Getöse, von den USA eine Entschuldigung für seine Aufnahme in der Botschaft verlangt zu haben.

Doch das Faktum bleibt: Chen ist frei. Ärzte können sich in einem Krankenhaus um seinen verletzten Fuß kümmern. Der US-Botschafter selbst hatte ihn dorthin gebracht – wohl, um ihn vor dem Zugriff des Staates zu schützen.

Damit hat sich das Glück des verfolgten Menschenrechtsanwalts sehr plötzlich gewendet. Vor einem Monat saß er noch in Hausarrest und durfte nicht einmal seine Freunde empfangen. Gestern wurde noch bekannt, dass die Behörden seine Frau bedrohen. Ein gutes Ende seiner abenteuerlichen Flucht quer durch Peking war nicht abzusehen.

Die glückliche Wendung gibt den Helfern Chens Recht, die ihm dabei geholfen haben, seine Bewacher zu überlisten und in die US-Botschaft zu fliehen. Zwischenzeitlich war fast zu befürchten, er werde nur in um so härtere Haft genommen. Denn Chen hatte klargemacht, dass er in China blieben will. Und ob die USA es sich leisten können, dem bekannten Dissidenten Asyl zu gewähren, war ebenfalls unklar.

Erst vor wenigen Stunden haben die USA und China überhaupt zugegeben, dass Chen in der amerikanischen Botschaft war. Bis dahin hat nur die Organisation China-Aid für ihn gesprochen. Am Mittwochnachmittag hat sich dann plötzlich die Nachrichtenagentur Xinhua mit einer knappen Meldung eingeschaltet: Chen habe die Botschaft verlassen.

Kurz darauf begannen US-Diplomaten die Presse mit der optimistischen Version zu füttern, dass Chen studieren darf. Dass die offiziellen Stellen nur wenige Stunden nach Ankunft von US-Außenministerin Clinton zum Leben erwacht sind, ist natürlich kein Zufall. Washington hat sich mit seinem ganzen politischen Gewicht hinter die Sache des blinden Anwalts gestellt.

Der Fall Chen hatte in den USA große Aufmerksamkeit erregt. Selbst einem Teil der breiten Öffentlichkeit war der Name schon vor seiner Flucht bekannt: Christian Bale, der Schauspieler, hatte versucht, die Blockade vor seinem Haus in Shandong zu überwinden und war von chinesischen Sicherheitsleuten angepöbelt worden. Clinton hat sich bereits persönlich für Chens Freilassung stark gemacht.

Zu Recht. Denn das Verbrechen Chen Guangchengs ist auch aus chinesischer Sicht nur schwer zu erkennen. Der von Kindheit an blinde Mann hatte in seiner Heimatregion dafür gekämpft, dass die geltenden Gesetze human angewendet werden. Damit hatte er sich den Zorn der örtlichen Behörden zugezogen, die ihre grausamen und korrupten Praktiken ans Tageslicht gezerrt sahen. Nur: Die Regierung in Peking kämpft schon lange gegen die Korruption in den Provinzen.

Wenn Chen jetzt tatsächlich als normaler Bürger weiterleben kann, wäre das also ein ganz großes Happy End. Vor allem für China. Wenn er – entgegen dem Anschein, den die US-Seite jetzt erweckt – weiter Repressalien ausgesetzt ist, dann zeigt sich einmal mehr: Im Reich der Mitte bleibt alles beim Alten.

» 02. Mai 2012, 13:49 Uhr