Wie sich die Zeiten ändern: als ich vor über drei Jahrzehnten nach Athen kam, zitterten die Griechen zwar vor der militärischen Macht der Türken – der Schock der Zypern-Invasion von 1974 war noch präsent. Wirtschaftlich, intellektuell und kulturell fühlten sie sich dem Nachbarn aber weit überlegen. Gestärkt wurde das griechische Selbstbewusstsein 1981 durch den Beitritt zur damaligen EWG. Heute könnten die Kontraste größer kaum sein, aber mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Grenze zwischen Boom und Gloom verläuft mitten durch die Ägäis.
Auf der einen Seite das schwer angeschlagene Griechenland, das am kommenden Sonntag in einer Schicksalswahl über seinen Verbleib oder sein Ausscheiden aus der Europäischen Union entscheiden wird; auf der anderen Seite eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt, das „China Europas“, das unter den G-20-Staaten nach der Wirtschaftskraft mittlerweile Rang 16 einnimmt und politisch zur bestimmenden Macht im Nahen Osten aufzusteigen beginnt.
Der Aufstieg der Türkei hat viele Gründe. Die geografische Lage des Landes an der Schnittstelle zwischen West und Ost gehört natürlich dazu. Aber der Erfolg gründet sich mehr noch auf Fleiß, Disziplin, Ehrgeiz und Lernbegierde der Türken. Er liegt also in der Mentalität der Menschen.
Gleiches gilt für die Probleme Griechenlands: auch die Schuldenkrise, die in Wirklichkeit eine Krise der politischen Kultur ist, wurzelt in der Denke der Menschen. Beispiel Steuerhinterziehung: Griechen erklären dieses Phänomen gern mit den türkischen Besatzern. Unter deren Joch sei es doch quasi eine nationalen Ehrenpflicht gewesen, dem Sultan Abgaben vorzuenthalten. Und das habe sich nun mal so eingebürgert, sagt man schulterzuckend. Eine etwas zu einfache Erklärung.
Während in den griechischen Zeitungen in diesen Monaten die Namen prominenter Steuerhinterzieher zu lesen sind und das Fernsehen zeigt, wie säumige Zahler, die dem Fiskus größere Summen schulden, in Handschellen abgeführt werden, was übrigens auf die meisten Zuschauer wenig Eindruck macht, weil die Delinquenten am nächsten Tag wieder freigelassen werden, lesen die Türken in ihren Gazetten ganz andere Finanz-Nachrichten. Sie erfuhren jetzt, dass im vergangenen Jahr Semahat Sevim Arsel umgerechnet rund 25,5 Millionen Euro Steuern gezahlt hat. Damit ist sie der türkische Steuerchampion – und erntet Bewunderung. Semahat Sevim Arsel ist eine Tochter des legendären Vehbi Koc, der in den 1930er den Grundstein zur inzwischen größten türkischen Unternehmensgruppe legte, der Koc Holding. Nummer zwei auf der Liste der fleißigsten Steuerzahler ist ihr Bruder, Mustafa Rahmi Koc, mit umgerechnet 25,4 Millionen Euro. Damit nicht genug: Der Koc-Clan stellt sechs der sieben größten Steuerzahler der Türkei. Sie zahlten zusammen im vergangenen Jahr umgerechnet 89,2 Millionen Euro an den Fiskus.
Die alljährlich veröffentlichte Liste der 100 größten Steuerzahler ist in der Türkei ein großer Hit. Das verrät am Rande: Neid ist keine türkische Eigenschaft. Reichtum der anderen wird als Ansporn verstanden. Viele Griechen scheinen dagegen darum zu wetteifern, möglichst gar keine Steuern zu bezahlen. Steuerzahler gelten als blöd, Steuerhinterzieher dagegen als clever. Es würd deshalb in Griechenland wohl auch wenig Sinn machen, eine Liste der größten Steuerzahler zu veröffentlichen. Allenfalls Heiterkeit bräche aus. Denn “große Steuerzahler” gibt es in Griechenland eigentlich gar nicht.
In den Jachthäfen liegen millionenschwere Luxusboote, und vor den Nachtklubs parken dicke Porsche Cayenne, Mercedes ML und Cadillac Escalade. Aber 2010 (neuer Daten liegen noch nicht vor) bekannten sich gerade mal 206 griechische Steuerzahler zu einem Einkommen von 500.000 bis 900.000 Euro. Und lediglich 49 Hellenen meldeten dem Fiskus Einkommen von mehr als 900.000 Euro.
Kein Wunder, dass Griechenlands Staatverschuldung Ende 2011 bei 165,3 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung lag und die der Türkei bei 39,44 Prozent – eine Schuldenquote, von der die meisten Euro-Staaten nicht einmal zu träumen wagen.











5 Kommentare zu “Boom und Gloom”
täglich an den Pranger gestellt. Auf gehts HB
Die alljährlich veröffentlichte Liste der 100 größten Steuerzahler ist in der Türkei ein großer Hit. Das verrät am Rande: Neid ist keine türkische Eigenschaft. Reichtum der anderen wird als Ansporn verstanden. Viele Griechen scheinen dagegen darum zu wetteifern, möglichst gar keine Steuern zu bezahlen. Steuerzahler gelten als blöd, Steuerhinterzieher dagegen als clever. Es würd deshalb in Griechenland wohl auch wenig Sinn machen, eine Liste der größten Steuerzahler zu veröffentlichen. Allenfalls Heiterkeit bräche aus. Denn “große Steuerzahler” gibt es in Griechenland eigentlich gar nicht.
In den Jachthäfen liegen millionenschwere Luxusboote, und vor den Nachtklubs parken dicke Porsche Cayenne, Mercedes ML und Cadillac Escalade. Aber 2010 (neuer Daten liegen noch nicht vor) bekannten sich gerade mal 206 griechische Steuerzahler zu einem Einkommen von 500.000 bis 900.000 Euro. Und lediglich 49 Hellenen meldeten dem Fiskus Einkommen von mehr als 900.000 Euro.
Die Reichen,die ihre Millionen und Miliarden aus GL abgezogen haben gehören
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