Cem Özdemir würde gerne den Erfolg der Grünen in Baden-Württemberg fortsetzen – und zwar auf Bundesebene. Doch in seinem Landesverband rumort es gewaltig. Parteilinke wollen ihn als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl verhindern. Grünen-Oberrealo Palmer springt ihm bei und wird abgewatscht – von Özdemir. Verkehrte Welt bei den Grünen?
Cem Özdemir will es noch einmal wissen. Der Bundesvorsitzende der Grünen will im kommenden Jahr wieder in den Bundestag einziehen. 2009 ist ihm das misslungen. Sein baden-württembergischer Landesverband verweigerte ihm die Unterstützung. Einen sicheren Listenplatz für die Bundestagswahl erhielt er nicht. Özdemir war daher auf ein Direktmandat angewiesen. Doch auch das verpasste er. Im kommenden Jahr sollte deshalb alles anders werden. Doch die Parteilinke macht Özdemir einen Strich durch die Rechnung.
Als Spitzenduo für den anstehenden Wahlkampf haben sie die Landesgruppenchefin der Südwest-Grünen im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl, und den Mannheimer Bundestagsabgeordneten und Finanzexperten Gerhard Schick, auserkoren. Kotting-Uhl beansprucht auf dem Böblinger Landesparteitag Anfang Dezember Platz eins der Landesliste, den eigentlich die stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Kerstin Andreae, im Blick hatte, Schick will den von Özdemir angepeilten Platz zwei.
Nun könnte man sagen, okay, dann sollen die Linken eben ihre vorderen Plätze erhalten, wenn die beiden anderen eine Platzierung bekommen, die ihnen ebenfalls einen sicheren Einzug in den Bundestag garantiert. Doch Özdemir ist nicht irgendwer. Darauf weist der Europaabgeordnete und frühere Bundesparteichef Reinhard Bütikofer zu Recht hin. „Die Stuttgarter Zeitung“ zitiert einen Twitter-Eintrag von Bütikofer, in dem er davor warnt, Özdemir als Bundesvorsitzenden zu beschädigen. Der könne kein politisches Gewicht mehr auf die Waagschale bringen, wenn ihm sein eigener Landesverband zweimal einen vorderen Listenplatz verweigere.
In dasselbe Horn stößt Grünen-Oberrealo Boris Palmer. Der Tübinger Oberbürgermeister nutzte seine Facebook-Pinnwand, um seinem Unmut Luft zu machen. Groß und breit wetterte er gegen das Vorgehen seiner linken Parteifreunde und zettelte damit zugleich eine Debatte über die Sinnhaftigkeit von Spitzenkandidaturen an, wenn sie nicht programmatisch ausreichend und gewinnbringend für die grüne Sache unterfüttert sind.
In diesem Sinne machte Palmer deutlich, dass er die programmatischen Vorstellungen von Kotting-Uhl und Schick zumindest teilweise für grundfalsch hält, weil sie, so seine Überzeugung, Wähler eher abschrecken. Denn, so Palmer, für die Grünen müsse es darum gehen, das aufgeklärte Bürgertum und damit Wahlen zu gewinnen. Und zwar mit Kandidaten und Programmen, die „grundsolide, bodenständig, wertkonservativ, jedenfalls nicht einfach links sind“. Für die anstehende Bundestagswahl leitet Palmer daraus ab, dass die Grünen umso erfolgreicher sein würden, je mehr sie das berücksichtigten. Und er fügt unmissverständlich hinzu, dass sich mit Andreae und Özdemir zwei Personen um die Spitzenkandidatur im Land beworben hätten, „die in diesem Sinn Erfolg versprechen“.
Mit Blick auf Kotting-Uhl und Schick erklärte Palmer: „Ausgerechnet in Baden-Württemberg die Grünen nach links verschieben zu wollen, verschlechtert unsere Erfolgsaussichten.“ Wenn damit keine programmatische Korrektur verbunden sein solle, frage er nach dem Sinn der Kampfkandidaturen. „Denn“, so Palmer, „eine Niederlage der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden und des Bundesvorsitzenden gegen zwei Angehörige des linken Flügels hätte dieselbe Wirkung wie eine reale Linksverschiebung der Partei: Unsere Erfolgschancen würden schlechter.“
Die Wellen, die Palmers Einwände geschlagen haben, haben inzwischen auch Özdemir erreicht. Der kontaktierte seinen Tübinger Parteifreund. Palmer machte den Inhalt von Özdemirs Stellungnahme auf seiner Facebook-Pinnwand öffentlich. Wohl auch, weil der Zungenschlag sehr eigentümlich daherkommt. Özdemir dankt Palmer nicht etwa für dessen Unterstützung. Er staucht ihn vielmehr zusammen und verpasst ihm indirekt einen Maulkorb – aus Furcht, die Grünen könnten den Erfolg der Südwest-Grünen mit Fritz Kuhn als frisch gebackenem Stuttgarter Oberbürgermeister und Winfried Kretschmann als erstem grünen Ministerpräsidenten nicht mehr nutzbar machen für den Erfolg der Bundespartei bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr.
„Lieber Boris“, schreibt Özdemir an Palmer, „wir sollten den grandiosen Wahlerfolg von Fritz nun nicht dadurch konterkarieren, dass wir uns über Kandidaturen für die Landesliste und noch dazu entlang von angeblichen Flügelfragen streiten.“ Über die personelle Aufstellung der Südwest-Grünen entschieden die Delegierten auf dem Listenparteitag, sonst niemand. „Ich rate allen, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren und das heißt: Weiter hart an unseren Themen arbeiten und gerade bei den Inhalten gerne auch mal leidenschaftlich diskutieren.“ Mit Blick auf seinen Parteifreund Kuhn fügt Özdemir an: „Fritz hat es vorgemacht, was dann möglich ist.“ Und er könne sich Winfried Kretschmann nur anschließen, „dass die ‚Grüne Welle‘ aus Höhen und Tiefen besteht – und wir wollen doch lieber auf ihr reiten als ihr am Ende hinterher schauen“.
Özdemir macht daher auch keinen Hehl daraus, was er von dem von Palmer angezettelten Flügelstreit hält: Solche Debatten halte er für „schädlich“, schreibt er. „Der politische Gegner steht außerhalb der Partei.“

